Von Gregor Weber
Die Debatte um geistiges Eigentum in Internet-Zeitalter hat den Charakter einer Schlacht, findet der Schauspieler und Autor Gregor Weber. Die 12 SPD-Thesen für ein zeitgemäßes Urheberrecht hält er für einen Friedensplan. Er gibt Einblick in seinen Arbeitsalltag und analysiert seine Position in der Kulturwirtschaft. Die, so prognostiziert Weber, werde im digitalen Zeitalter unter veränderten Bedingungen weiter bestehen.
Ein Essay von Gregor Weber
Die Debatte um Urheberrechte und den Wert geistigen Eigentums im digitalen Zeitalter nimmt einen kurvigen Verlauf. Noch vor wenigen Wochen sahen viele einen Krieg toben zwischen Urhebern und Konsumenten. Als Hauptverursacher der Eskalation identifizierte man, je nachdem welcher Kriegspartei man sich zugehörig fühlte, entweder Herden geldgieriger Künstler, die ihren Verwertern, die sie doch in Wirklichkeit nur auspressten, blind folgten. Oder man suchte die Schuld bei einer verabscheuungswürdigen Umsonst-und-zwar-sofort-Mentalität einer werte- und bildungsfernen Netzcommunity. Erstere proklamierten für sich, in dieser Debatte den Kampf ums nackte Überleben zu führen. Letztere sahen sich als letzte Verteidigungsstellung gegen totale Überwachung im Netz.
12 Thesen zur Versachlichung
Dann haben sich eine Reihe von Personen und Institutionen um eine Versachlichung der Debatte bemüht, darunter auch die SPD mit ihren 12 Thesen für ein faires und zeitgemäßes Urheberrecht. Momentan scheint ein gespenstischer Waffenstillstand wie kalter Nebel über dem Frontverlauf zu wabern. Doch die Urheber- und Verwerterseite können jeweils das Grollen schwerer Artillerie im Raum des Gegners vernehmen und zuversichtliches Murmeln der Infanterie in den Schützengräben. Mit der Artillerie meine ich die Ablehnung von ACTA durch das europäische Parlament, mit der Zuversichtlichkeit der sturmbereiten Infanterie den Freudentaumel der Netzgemeinde darüber.
In dieser Situation sollte man über jeden durchdachten Friedensplan froh sein und als solchen darf man die 12 Thesen der SPD durchaus betrachten. Deutlich sichtbar das Ziel, beiden Seiten in ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Klar ist die Forderung an die Verwerter Distributionswege zu schaffen, die einerseits den Konsumgewohnheiten einer neuen Generation gerecht werden und andererseits den Urhebern angemessene Einkünfte aus ihrer kreativen Arbeit garantieren.
Geht es in der Urheberrechts-Debatte um Freiheit?
Wie Thomas Brussig schrieb, sind nahezu alle Forderungen im Einzelnen kaum zu kritisieren. Ihre Erfüllung ist ein Gebot der Stunde und dennoch, so Brussig, und ich folge ihm in diesem Punkt: Diese Thesen sind in Teilen dazu angetan, die Netzcommunity durchaus zu weiteren Sturmangriffen zu ermutigen. Denn die übergroße Vorsicht in den Formulierungen zur Strafwürdigkeit und Verfolgung von Verstößen gegen Urheberrechte, gibt diesem Teil des Papiers den Charakter einer Empfehlung an den Konsumenten.
Dass Fragen von Kontrolle, Beschränkung und Strafen im Internet äußerst heikel sind, will ich nicht bestreiten. Auch wenn ich mich definitiv nicht zur „Netzcommunity“ oder zur „digitalen Bohème“ zähle, nutze ich selbstverständlich das Netz als Kommunikationsmittel, als Informationsquelle und als Unterhaltungsmedium. Dass Freiheitsrechte in diesem Raum nicht angegriffen werden dürfen, ist für mich als Demokrat gesetzt. Aber geht es in der Diskussion um Urheberrechte in Deutschland überhaupt um Freiheit? Wirkliche, existenzielle, staatsbürgerliche Freiheit im Sinne der UN-Charta?
Eigene Erfahrungen – ein Lagebericht
Ich möchte mich an dieser Stelle auf einen Teilbereich der Urheberrechts-Debatte beschränken, nämlich auf die Lage des Schriftstellers. Nicht, weil mich die Lage der anderen Kreativen nicht interessiert, sondern weil ich mich in diesem Bereich auskenne. Über das Musikgeschäft weiß ich nichts, über die kommerzielle Verwertung journalistischer Arbeit außerhalb von Festanstellungen nur sehr wenig und als Schauspieler bin ich kein Urheber, sondern lediglich Leistungsrechteinhaber, was ein Randbereich ist, der hier nicht interessieren soll.
Ich bin aber auch Autor. Und mein nicht-digitales Erwerbsleben lässt sich – gerafft – so darstellen: Um die laufenden Kosten des Lebens zu decken, muss ich in nicht allzu großen Abständen Ideen für Bücher haben, die ein Verlag gut genug findet, um in ihre Verwirklichung Geld zu investieren. Von diesen Vorschüssen (und denen meiner Frau, die denselben Beruf ausübt) leben meine Familie und ich mittlerweile ausschließlich. Je besser der Verlag die Vermarktungschancen des Buches einschätzt, desto höher ist der Vorschuss.
Der Verlag: Böse Stiefmutter oder liebender Partner?
Verkauft sich das Buch erwartungsgemäß, dauert es mindestens ein Jahr, eher zwei oder drei, bis mein Anteil am Verkaufserlös die Höhe des Vorschusses erreicht hat. Nur bei darüber hinaus gehendem Verkauf verdiene ich dann noch mal Geld. Das kommt nicht oft vor, soviel sei schon mal gesagt. Verkauft sich das Buch sensationell, steigt mein Verdienst. Verkauft sich das Buch schlecht, darf ich den Vorschuss behalten, das ist – neben Herstellungskosten und Marketing – das wirtschaftliche Risiko des Verlages.
Die Anteile dürften, fragt man Autoren, natürlich größer sein. Verlage sehen das naturgemäß anders. Manche Verlage sind wie liebende Eltern oder Partner zum Autor, andere wie böse Stiefmütter oder Ex-Gatten. Wobei der Verlag, der mir Stiefmutter ist, einem anderen Autor himmlisch verwöhnende Übermama sein kann. So ist das Leben.
Je mehr der Verlag verdient, desto mehr verdiene ich
Ich brauche im Schnitt ein halbes bis dreiviertel Jahr für ein Buch. Unvorhergesehene Ereignisse können diesen Prozess empfindlich stören, dann dauert es länger. Manchmal muss ich in wenigen Wochen drei, vier verschiedene Buchideen recht gründlich entwickeln, bis sich eine davon verkaufen lässt. Manchmal muss ich die Arbeit an einem Buch abbrechen, weil ich doch nicht weiterkomme oder einfach mit einer neuen Idee einen weiteren Vertrag an Land ziehen muss, damit wieder ein Vorschuss fließt.
Wohlgemerkt: Ich habe mir dieses Leben ausgesucht und ich liebe meinen Beruf. Bei den derzeitig zur Verfügung stehenden Distributionswegen ist es für mich unerlässlich einen Verlag zu haben. Und ich nehme es dem Verlag nicht übel, dass er mit meinem Buch Geld verdienen will. Je mehr Geld der Verlag damit verdient, desto mehr verdiene ich und desto lieber macht der Verlag ein weiteres Buch mit mir. Es liegt also in meinem ureigenen Interesse, Bücher zu schreiben, die möglichst viele Menschen begeistern.
Zudem kümmert sich der Verlag um die Gestaltung des Buches, das Marketing und den Vertrieb. Ich werde von Lektor oder Lektorin inhaltlich betreut und wenn es sein muss auch mal gepampert.
Die Agentur: Vermittler und Verhandler
Meine Agentur bekommt auch etwas von meinem Verdienst. Sie verhandelt meine Verträge, die ich alleine so nie kriegen würde und achtet auf Wahrung meiner Rechte in kleinsten Details. Zwischen den Büchern berät mich die Agentur intensiv beim Finden neuer Stoffe und Ideen. Sie schätzt deren Verkaufbarkeit professionell ein, bietet sie Verlagen an, führt alle Verhandlungen und moderiert bei Konflikten. Da nahezu alle Agenten und Agentinnen ehemalige Lektoren sind, beraten sie ihre Klienten auch inhaltlich, künstlerisch und dramaturgisch.
Ich fühle mich von diesen Menschen in keinster Weise ausgepresst oder über den Tisch gezogen. Es sind Partner, die mir alles abnehmen was nicht mit dem Schreiben zu tun hat und worum ich mich einfach nicht kümmern will und kann. Weil ich sonst niemals in der Lage wäre, zwei Buchverträge pro Jahr abzuschließen und zu erfüllen. Sie tun das nicht aus Nächstenliebe, sondern aus Erwerbsstreben. Sie verdienen damit Geld, weil es etwas ist, das sie gut können. Ich kann eben schreiben.
Die Urheber melden sich zu Wort, die Debatte eskaliert
Als vor einigen Wochen die Urheberrechts-Debatte eskalierte – ausgelöst durch den Autoren-Appell „Wir sind die Urheber“ – reagierten Menschen, potentielle Leser, im Internet mit der Forderung, dass etliche Beschränkungen der Nutzbarkeit von Texten abgeschafft gehörten. Es sei nicht einzusehen, dass Urheber oder deren Erben siebzig Jahre lang die Hand aufhalten könnten, wenn man ihre Werke lesen wolle. Das beschränke das Recht auf Informationsfreiheit.
Gerne wurde auch das Argument gebracht, man wolle Bücher sofort zur Verfügung haben, wenn einen die Lust überkäme, sie zu lesen. Da nerve es, auf die Öffnung der Buchhandlung am nächsten Vormittag zu warten. Nun, bei meinen Kindern habe ich solche Ich-will-aber-jetzt-sofort-Anfälle seit Ende der Kitazeit vor etwa zehn Jahren nicht mehr erlebt. Urheber wurden wahlweise als faule und geldgierige Privilegiensäcke beschrieben, die zuhause ein bisschen rumkünstlerten und von den Ergebnissen jahrzehntelang horrende Erträge auf ihre Auslandskonen fließen sehen würden und sich bei Cocktails am Pool über die hart arbeitenden Konsumenten totlachten. Oder aber man zeichnete das Bild unselbständiger Futterneider, die ängstlich ihren Verlagen oder anderen Verwertern in die Falle gegangen seien und sich zum Sprachrohr von deren kapitalistischen Interessen machen ließen.
Ich bin kein Spielzeug der Verwerter
Fraglos sind solche Meinungen Erregungsspitzen, auch wenn sie sich verdammt oft und in ungeheurer Zahl finden ließen. Ich habe nur eine Entgegnung auf solche Äußerungen: Wenn Ihr nicht wollt, dass ich von meinen Büchern leben kann, dann kauft sie nicht. Punkt. Wenn Ihr sie lesen wollt, aber nicht bezahlen könnt oder möchtet, dann leiht sie euch in öffentlichen Bibliotheken oder von jemandem, den ihr kennt, aus. Noch mal Punkt.
Was ich wirklich nie, nie wieder lesen oder hören will, sind haltlose Behauptungen wie die, ich könne meine eigenen Interessen gar nicht überblicken und mache mich deswegen zum Spielzeug von Verwertern. Oder, noch schlimmer, es sei doch in meinem Interesse, dass sich meine Texte verbreiten. Mir als Künstler ginge es doch um Wirkung und von daher sollte ich mich darüber freuen, wenn diese Texte von „Fans“ allen zugänglich gemacht würden…
Von kostenloser Verbreitung kann ich die Miete nicht bezahlen
Und das soll sie dann sein, die Freiheit im Netz? Dass alle alles von mir lesen können, ohne dafür zu bezahlen? Da ich dann die Miete für meine bisherige Wohnung nicht mehr aufbringen kann, freue mich auf einer Parkbank über die weiträumige Verbreitung meiner Gedanken und bin dankbar, dass ich meine geistige Arbeit geadelt finde durch den Umstand, dass sie endlich nichts mehr zu meinem Lebensunterhalt beiträgt?
Ich will hier keinesfalls einer sogenannten Abmahnindustrie das Wort reden. Ein Teilen digitaler Inhalte, das dem altmodischen Buchverleihen oder Platte-zum-Aufnehmen-überlassen entspricht, darf nicht kriminalisiert werden. Aber die Weiterverarbeitung meiner Texte in Samplingverfahren, die über das Zitieren hinausgeht, möchte ich beispielsweise durchaus kontrolliert sehen. Weil ich einfach keinen Bock habe, ohne Bezahlung eine Vorlage für das nächste Axolotl-Roadkill-Projekt von jemandem zu liefern, der geistiges Eigentum einfach deswegen scheiße findet, weil ihm selbst nichts einfällt.
Piratin Julia Schramm: Deal mit Verlag statt kostenloser Download
Wenn die Haltung der Netzcommunity und von Piratenanhängern zu Urheberschaft und künstlerischem oder intellektuellem Schaffen tatsächlich eine tiefe Überzeugung ist, warum veröffentlicht die Piratin Julia Schramm ihr erstes Buch bei einem großen Verlagskonzern unter Einkassierung eines – wenn man den Meldungen glauben darf – sensationell hohen Vorschusses, von dem fünfundneunzig Prozent der deutschen Schriftsteller ihr Leben lang nur werden träumen können?
Warum setzt Schramm, die sich enttäuscht zeigt von der apolitischen Geldfixiertheit der Künstler, sich nicht ein paar Monate unbezahlt hin, schreibt auf, was aus ihr drängt und stellt es zum Download bereit? Von mir erwartet sie das schließlich auch. Und: Warum nimmt ein Verlag eine Autorin in sein Programm auf, die im Katalog verkündet, dass sie nicht an geistiges Eigentum glaubt?
Das Netz ist nicht die Freiheit
Die Rolle, die digitale Kommunikation in den Revolutionen des Nahen Ostens oder in anderen Freiheitsbewegungen spielt, hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit unserer Debatte zu tun. Diese Rolle kann das Netz nur in Ländern spielen, in denen erstens die Bevölkerung unterdrückt wird und zweitens die Machthaber technisch nicht in der Lage sind, das Netz in ihrem Sinne zu kontrollieren.
Das Netz ist einfach nur ein Distributionsweg. Ein Kommunikationsraum mit – zugegebenermaßen – faszinierenden Möglichkeiten, in dem jeder Urheber sicher gerne gegen angemessene Vergütung seine Inhalte verbreitet. Diesen Distributionsweg gilt es jetzt marktwirtschaftlich und rechtlich zu regeln. Die Entwicklung dürfen die Verwerter nicht verschlafen, wenn sie überleben wollen und der Gesetzgeber muss die Pflöcke einschlagen, entlang derer dieser Distributionsweg verlaufen wird.
Die Kulturwirtschaft wird bleiben
Sicher wird es auch irgendwann geregelte Formen geben, wie ich meine Bücher einfach selbst zum Download anbieten kann. Wenn es soweit ist, beschäftige ich mich gerne mit der Möglichkeit. Aber dann werde ich auch nachrechnen müssen, ob das mit dem Schreiben über ein halbes oder dreiviertel Jahr wirtschaftlich überhaupt noch geht, ohne Vorschuss.
Ich wage die Prognose, dass am Ende einfach nur dieselbe Kulturwirtschaft steht, die heute schon existiert, bloß unter veränderten Vorzeichen. Denn wenn alle Schriftsteller im Netz mit ihren Texten präsent sind, dann müssen diese immer noch gefunden werden, um mit ihnen Geld zu verdienen. Es wird wieder Vermarktungsstrategien geben, wieder den Kampf um die Aufmerksamkeit des Lesers durch attraktive Inhalte und deren gute Präsentation. Und natürlich wird es auch wieder Agenten, Werber und Verwerter geben, die sich um all das kümmern, damit der Urheber schreiben kann.
Es wird Regelungen geben, die beispielsweise die absolut schützenswerte Privatverleihung von digitalen Inhalten quantitativ begrenzen, so wie man ein Buch ja eben nicht endlos weiterverleihen kann, weil es irgendwann auseinanderfällt, was natürlich einen neuerlichen Verdienst von Autor und Verlag generiert. That’s life.
Ob es dann noch Buchhandlungen gibt, kann heute niemand voraussagen. Aber eines ist sicher: Wenn niemand dafür bezahlt, wird es todsicher keine Bücher mehr geben, ob physisch oder digital spielt dabei keine Rolle. Weil niemand mehr Zeit hat, welche zu schreiben.