von Burkhard Jellonnek
Vom Streit der User, Verwerter und Künstler im Internet oder: Was saarländische Künstler vom Download der Kultur im Internet halten.
Sven Regeners Wutausbruch vor laufenden Mikrophonen des Bayerischen Rundfunks war wie ein Weckruf für die Kulturszene, sich in den schwelenden Streit um das Urheberrecht einzumischen. Der Frontmann von „Element of Crime“ und wortgewaltige Literat von Szeneromanen wie „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“ war es leid, als uncool beschimpft zu werden, wenn er auf das geistige Eigentum von Künstlern hinwies und deren Urheberrechte verteidigte.
Schließlich dürfe man nicht länger zusehen, wenn nicht nur arrivierte Plattenfirmen mangels Umsätzen zumachen müssten und zahlreiche Indie-Labels eingingen, weil es schick geworden sei, für Musik, ja Kultur schlechthin nichts mehr zu bezahlen. Er sei nicht länger bereit, seine Musik bei Youtube aufrufen zu lassen und dabei in die Röhre zu schauen, während der dahinter stehende Großkonzern Google über Werbeeinahmen Milliardengewinne scheffelt.
Urheberrecht als Relikt aus dem letztem Jahrhundert
Regeners Philippika war die längst überfällige Replik auf eine sich immer breiter formierende und zuletzt auch durch eine im politischen Raum stärker werdende Piratenpartei sich Gehör verschaffende Netzgemeinde, die die Freiheit in der Computerwelt als kostbarstes Gut postulierte und damit auch der Forderung nach einem weiterhin freien, ja kostenfreien Zugang zu den Hervorbringungen des Netzes ganz nach vorne schob.
Egal, ob das zurecht beklatschte Wikipedia das Wissen der Netzintelligentia bündelte und damit lang gediente Enzyklopädien der Weltgeschichte buchstäblich alt aussehen ließ, das Herrschaftswissen der Mächtigen offenlegte in den Wikileaks – die Forderung nach Transparenz und jene Freiheit im Netz waren nunmehr die ungebremsten freibeuterischen Credos der Computerfreaks. Geistiges Eigentum wurde zur Allmende unserer Tage deklariert, das Urheberrecht war das Markenzeichen des untergegangenen 20. Jahrhunderts, das im darauffolgenden schlichtweg abzuschaffen sei.
Kunst ist nicht zum Nulltarif zu haben
Seit knapp zehn Jahren ist für Frank Nimsgern, den im Saarland geborenen Komponisten und bedeutendsten deutschen Protagonisten der Musical-Szene, die Welt aus dem Lot. Gerade kommt er von einer Bonner „Snowhite“-Probe, die jungen Tänzer fragen nicht nach den Songs von ihm, sondern ordern den „File“ oder die „mp3“-Datei. „Wir haben es verpennt, der nächsten Generation beizubringen, dass es hier nicht um bit streams geht, sondern um das Ergebnis von Arbeit, dass es hier um Kunst geht, die eben nicht zum Nulltarif zu haben ist.“
Die junge Generation kaufe keine CD mehr, stelle stattdessen die digitale Fassung leicht kopierbar ins Netz. In letzter Konsequenz bedeute dies, dass aus den Kreativen von heute die Hartz-IV-Empfänger von morgen werden, wenn nicht Gesellschaft, wenn nicht Politik ein Gegenmodell auf den Weg bringe, um den Ausverkauf der Kultur zugunsten der marktbeherrschenden Netzwerke von Facebook bis Youtube zu verhindern.
Künstler müssen Kontrolle über ihr Werk behalten
Sein Musikerkollege Oliver Strauch, Jazzer und Mitglieder der Cross-Over-Formation „Die Redner“, ist der Netzcommunity dankbar, dass das Thema Urheberrecht auf den Plan gerufen wurde. Von den weltumspannenden Verwertungsmöglichkeiten des Netzes können Künstler nur profitieren, allerdings sollte man ihnen auch die Freiheit zugestehen, dies zu untersagen. Deshalb müsse der Künstler auch die Kontrolle über sein Werk behalten, die Wertigkeit der Kunst müsse mit anderen Worten erhalten bleiben. Nach Ansicht Oliver Strauchs werde auch die von der Politik vorgeschlagene Kulturflatrate nicht das Allheilmittel des Streites bringen, weil auch sie die populären Künste und deren Protagonisten bevorteile und die Künstler mit ihren Nischenprodukten weiterhin mit Brosamen abgespeist werden würden.
Auch den Buchmarkt sieht der saarländische Verleger Roland Buhles, Hausherr des Conte-Verlages, vor großen Herausforderungen. Derzeit werden die Verwerter gegenüber den Urhebern ausgespielt – gerade im Buchsegment eigentlich unverständlich, da die Autoren zweifellos das Verlagswesen, sprich die Verwerter brauchen. Sonst wären längst fast alle Schriftsteller zu „Book-on-Demand“ abgewandert, würden sich selbst vermarkten, selbst die Bücher layouten und lektorieren. „Das aber kostet viel Zeit, die vom Schreiben abgeht“, so Roland Buhles.
Rechte von Künstlern im Internet
Zwar hält er die Gefahr der Verarmung der kulturellen Szene durch den kostenlosen Download von Texten für gering. Aber derzeit weiß keiner, wie sich die Verbreitung von E- Books auf kostenlosen Tauschbörsen auf die Einkommen von Schriftstellern und die Vermarktungsmöglichkeiten der Verlage auswirken wird.
Kopfzerbrechen bereitet dem Verleger auch die Forderung nach einer deutlichen Verkürzung der Laufzeit des Urheberrechts. Werden derzeit die Rechte des Autors erst 70 Jahre nach dessen Tod „gemeinfrei“, so wünschen sich Bündnis 90/Die Grünen bereits das Erlöschen der Rechte mit dem Ableben des Autors. „Selbst ein Grass und ein Walser würden unter diesen Bedingungen aktuell keinen Vertrag mehr bekommen, denn nach dem Sterbetag wären die Lizenzen verloren und die Restauflage nur mehr zu Ramschpreisen verkäuflich“, schwant Roland Buhles nichts Gutes.
In diesen Tagen haben sich Vertreter der Piratenpartei und des Deutschen Kulturrates zu einem ersten Sondierungsgespräch getroffen. Beiden Parteien war klar, wie viel für die Kultur auf dem Spiel steht. An einer Reform des Urheberrechtes, das die Existenz des World Wide Web und seine Chancen auch für die Kultur einbezieht, wird man ebenso wenig vorbeikommen wie an der Gewissheit, dass auch das Netz kein rechtsfreier Raum ist, in dem die Rechte von Künstlern negiert werden können. Denn auch im Supermarkt, der uns in seinen Auslagen die schönsten Waren präsentiert, haben wir dies mit dem Griff ins eigene Portemonnaie abzugelten.
Dieser Beitrag ist im aktuellen Heft 32 von OPUS Kulturmagazin erschienen